Ein kurzer Überblick über                                              die lange Geschichte der Herrschaft

Der Begriff „Herrschaft“ ist sehr vieldeutig und wird, insbesondere von Soziologen, in vieldeutiger Weise ausgelegt. Für alteingesessene Bürger der Ortschaften Schlich, D‘horn, Merode, Geich, Obergeich, Echtz und Konzendorf ist der Begriff jedoch nicht vieldeutig sondern eindeutig, sie wohnen und leben in der „Herrschaft“. Die Zusammenfassung der vorgenannten Dörfer unter dem Begriff „Herrschaft“ ist den Bewohnern dieser Orte von Kind an vertraut und nicht selten sind sie stolz darauf, in der „Herrschaft“, die ihre Heimat ist, zu leben.

 

Die Bezeichnung „Herrschaft“ für die vorbezeichneten Orte geht weit zurück in die Geschichte. Landschaftlich liegt die Herrschaft in einem Gebiet, das aus einem Dreiklang von Wald, Feld und Wiesen besteht, aus den Wäldern am Huppenberg, Knosterberg und Rennweg, aus den nach Osten und Norden abfallenden Ackerflächen in Schlich und Merode sowie der sich anschließenden fruchtbaren Echtzer Lösplatte. Die Orte der Herrschaft stehen auf altem Siedlungsland, das bis in die Römerzeit zurückreicht, und sind sicherlich älter als die nachfolgend genannten Jahreszahlen ihrer ersten Erwähnung angeben. Echtz wurde nachweislich 1292 erstmals als „Ezs“ erwähnt, Geich 1337 als „Geig“. Der Ortsname Schlich taucht erstmals 1309 als „Slige“ auf , D‘horn 1409 als „Dorne“ und Konzendorf 1308 als „Cottindorp“ und 1335 als „Kozzendorp“. Als Zentrum der Herrschaft gelten Schloß Merode und die Ortschaft Merode. Sowohl das Schloß als auch der Ort Merode stehen nicht auf Siedlungs- sondern auf Rodungsland.

 

Im Allgemeinen begann die Geschichte der Herrschaft mit der Geschichte von Schloß Merode, mit der Geschichte seiner Erbauer, mit der Geschichte der Herren von Merode; obwohl die Geschichte der Herrschaft Merode eigentlich mit einem Königshof in Echtz beginnen sollte. Historiker gehen davon aus, dass zur Zeit Kaiser Barbarossas, etwa um das Jahr 1170, ein Mitglied aus der Familie der Reichsministerialen von Kerpen mit der Verwaltung eines in Echtz bestehenden Königshofes beauftragt wurde und dass sich dieser Reichsministeriale, nicht weit von Echtz entfernt, auf einer Rodung niederließ. Grund für diese Annahme der Historiker ist ein ‚Wernerus de Rode‘ aus dem Gefolge des Kaisers, der erstmals 1174 und dann auch in späteren Jahren urkundlich in Erscheinung tritt. Der heutige Name Merode geht auf diesen Werner, genannt Werner I. und auf seine Nachfolger zurück, die sich ‚de Rode‘, ‚van demme Rode‘ oder ‚Van me Rode‘ nennen.

 

Die Niederlassung, die Werner I. am Fuße des Eifelausläufers errichtete, wird genau der Ort gewesen sein, an dem heute das Schloß Merode steht. Es war sicherlich zunächst nur ein schlichter, befestigter Gutshof, den er dort bauen ließ, denn erst 100 Jahre später wird das Gebäude als „castrum de rode“, später auch als „castrum Royde“, also als Burg Merode, bezeichnet.

 

Die Nachfolger Werners I., die in Merode residierten, hießen bis in die Mitte des 14. Jahrhundert, bis in die 7. Generation hinein, ebenfalls Werner. Diese Herren auf Burg Merode waren territorialpolitisch sehr aktiv. So wurde Werner III. um die Mitte des 13. Jahrhunderts und auch später seine Nachfolger zu erblichen Außenbürgern der Stadt Köln gemacht, neben dem Herzog von Limburg, den Grafen von Jülich und Katzenellenbogen und den Herren von Laufenburg und Frenz . Als Kölner Außenbürger unterstützten sie als befestigter Stützpunkt die Bürger der Stadt Köln bei Ihren Streitigkeiten mit ihrem Stadtherren, dem Erzbischof.


Sowohl der Hof in Echtz, der Kern der Herrschaft Merode, als auch die Burg Merode waren Reichslehen, bis am 16. August 1336 Kaiser Ludwig der Bayer die Herren von Merode aus der Lehenshoheit des Reiches entließ und sie und ihre
Besitzungen dem Grafen und späteren Herzog Wilhelm von Jülich unterstellte. Zur Grafschaft Jülich hatten die Herren von Merode bereits während ihrer Reichsunmittelbarkeit intensive Beziehungen zum Herzogtum Jülich gepflegt, es sei hier nur auf die in der Regionalgeschichte oft und gern zitierte Gertrudisnacht von Aachen hingewiesen, in der Werner III. und vier weitere Mitglieder seiner Familie an der Seite des Jülicher Grafen „erschlagen“ wurden. Gleichwohl beharrten die Herren von Merode jedoch als Unterherrschaft des Herzogtums Jülich immer wieder auf mehr Selbständigkeit in Rechts– und Verwaltungsangelegenheiten, so daß sie unter den Unterherrschaften durchaus eine Sonderstellung einnahmen.


Auch die Hoch– und Niedergerichtsbarkeit in den sieben Dörfern der Herrschaft, 1362 erstmals erwähnt, lag weiterhin in den Händen der Herren von Merode. Bis zum Ende der Merodischen Verfassung 1794 waren Schultheiß und Schöffen von Echtz für die gesamte Herrschaft zuständig. Richtstätte und Galgen für den Bereich der Herrschaft waren in Echtz auf dem „Schöbbich“.  Weitere Gerichte bestanden in Merode, Geich und Schlich. Es ist anzunehmen, dass der Vorsitzende dieser Gerichte der Schultheiß von Echtz gewesen ist.

 

Die Pfarrorganisation für die Dörfer der Herrschaft ging von ebenfalls von Echtz aus, dem eigentlichen Ursprungsort der Herrschaft. Die Kirche St. Michael in Echtz, erstmals erwähnt im liber valoris im Jahre 1308, war bis zur Gründung der Pfarre D‘horn im Jahr 1804 die alleinige Pfarrkirche in der Herrschaft Merode.

 

Als ein besonderes Bauwerk in der Herrschaft neben Schloß Merode ist eine zunächst unscheinbare Kapelle zu erwähnen, die etwas abseits der Ortschaft Geich an der alten Heer-, Pilger– und Königsstraße liegt. Diese Kapelle stammt aus dem 12. oder 13 Jahrhundert, ist dem hl. Nikolaus geweiht und zählt zu den Kleinodien des historischen Baubestandes weit über die Herrschaft Merode hinaus. Die Kapelle wurde ab dem 15. Jahrhundert einem in unmittelbarer Nachbarschaft errichteten Gasthaus und Hospital zugeordnet und diente diesem als Hauskapelle. Der Bau des Gasthauses und Hospitals geht auf eine Stiftung des Wilhelm von Merode zurück. Wilhelm war ein Sohn von Rikalt I, Herr von Merode und Frenz und seiner Frau Margarete von Wezemaal und ist urkundlich erwähnt von 1383 bis 1421. Aus vielen erhaltenen Urkunden ist ersichtlich, daß die Familie Merode auch weiterhin die gestifteten Einrichtungen in Geich bis zum Ende ihres Bestehens mit reichen Dotationen versehen hat. Die priesterliche Betreuung der Kapelle wurde in aller Regel von den Schwarzenbroicher Mönchen wahrgenommen. Kloster Schwarzenbroich, im Meroder Wald zwischen Knosterberg und Katzenknipp gelegen, darf auch in der kürzesten Abhandlung über die Herrschaft Merode nicht fehlen. Als Bauwerk ist das Kloster verschwunden, nur Eingeweihte wissen die kümmerlichen Mauerreste zu deuten, die von Moos, Gesträuch und Bäumen überwachsen sind.

 

Die frühesten historisch gesicherten Erkenntnisse über das Kloster sind einer Urkunde aus dem Jahre 1340 zu entnehmen, in der der Kölner Erzbischof Walram von Jülich die vorbereitete Gründung dieses Klosters genehmigt. Als Gründer gelten Werner IV von Merode und sein Sohn Werner V. Die Mönche in Schwarzenbroich gehörten dem Orden der Kreuzbrüder an. Dieser Orden war um das Jahr 1210 in Clair Lieu, einem Vorort von Huy an der Maas, von Theodor von Celles (1166-1236) gegründet worden Die ersten Mönche, die in Schwarzenbroich einzogen, kamen aus dem Kreuzbrüderkloster St. Matthias in Lüttich. Der Schwarzenbroicher Konvent gehört zu den ersten Klostergründungen der Kreuzbrüder in den Rheinlanden.

 

Nicht nur bei der Gründung des Klosters sondern auch in den nachfolgenden Jahrhunderten war die Stifterfamilie stets darauf bedacht die Niederlassung der Mönche mit Liegenschaften, Renten und Zinsen aus Häusern, Wald und Ackerland zu fördern. Dazu kamen Kirchenpatronate in der näheren Umgebung. Durch diese Zuwendungen gehörte Kloster Schwarzenbroich zeitweise zu den bestfundierten klösterlichen Grundherrschaften der Rheinischen Ordensprovinz.

 

Im Gefolge der französischen Revolution und der nachfolgenden Säkularisierung wurde aufgrund eines Konsularbeschlusses von 1802 Kloster Schwarzenbroich. aufgehoben. Der klösterliche Konvent bestand zu diesem Zeitpunkt aus dem Prior Wilhelm Jakobs, 11 Patres und 2 Brüdern. Sie wurden nach über 460 jährigem Bestand des Klosters mittel- und obdachlos, und das Leben der meisten von ihnen verlor sich im Dunkel der Zeiten.

 

Als im Oktober 1794 französische Revolutionstruppen das linke Rheinland besetzten, setzten sie auch die Merodische Verfassung außer Kraft und gründeten 1802 die Mairie Echtz mit den Dörfern Merode, Echtz, Schlich, D‘horn, Geich, Obergeich und Konzendorf. Die Mairie hatte somit den exakten Umfang der alten Herrschaft Merode. In der darauf folgenden preußischer Zeit wurde aus der Mairie Echtz die

 


Dieses geschlossene, historisch gewachsene und im Bewusstsein der Bevölkerung als Einheit, als ihre „Herrschaft“ betrachtete Gebiet, wurde schließlich am 1. Januar 1972 im Zuge des nordrhein-westfälischen Neugliederungsgesetzes „zerstört“. Echtz und Konzendorf wurden der Stadt Düren zugeschlagen, Schlich, D‘horn, Geich, Obergeich und Merode wurden nach Langerwehe eingemeindet. Es mag eine politisch und verwaltungstechnische gute und sinnvolle „Neugliederung“ gewesen sein, im Herzen der Bevölkerung jedoch lebt noch heute die alte „Herrschaft“ weiter.

 

Lassen sie mich zum Abschluss noch einige Bemerkungen zum Bauwerk Schloß Merode machen. In der Herrschaft Merode stellt das Schloß in baulicher Größe und Bedeutung das zentrale Bauwerk dar. Auch unter den Rheinischen
Wasserburgen nimmt Schloss Merode eine Sonderstellung ein. Wichtig für das Verstehen des heutigen Bauwerks Schloss Merode ist zu wissen, dass die Familie »von Merode« über rund 220 Jahre, von 1762 bis 1980, nicht im Schloß Merode dauerhaft gewohnt und dort gelebt hat. Nach 1762, dem Todesjahr von Graf Johann Wilhelm Augustin, Reichsgraf von Merode, Marquis von Westerloo, wohnten die Herren von Merode und ihre Familien in Belgien, vornehmlich in Westerloo und Brüssel. Erst 1980 hielt Charles Louis Francois Marie Ghislain, Prinz von Merode mit seiner Frau Clotilde, Reichsgräfin d‘Oultremont und seinen Kindern in Schloss Merode Einzug.

 

Gleichwohl hat die Familie von Merode über die Jahrhunderte hinweg bis in die 1930er Jahre tiefgreifende Änderungen, Ergänzungen und Abrisse sowie Neubauten an der Schlossanlage durchführen lassen. Insbesondere sind zwei größere Bauzyklen zu nennen, die Gestaltung des Nordflügels unter Johann Philipp Eugen, Reichsgraf und Marquis von Merode-Westerloo zu Beginn des 18. Jahrhunderts und die Bautätigkeit unter Heinrich Karl Marie Ghislain, Reichsgraf von Merode, Marquis von Westerloo, Fürst von Rubempré Grimberghe um den Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert.

 

Als letzte „Baumaßnahme“ durch Graf Heinrich wurde im Sockel des Süd-Ost Turmes, der ehemals Teil eines Batterieturmes war, um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine Schlosskapelle eingerichtet. Die Einweihung der Kapelle hat Graf Heinrich nicht mehr erlebt. Er starb im Alter von 52 Jahren am 13. Juli 1908 zu Lausanne. Das Projekt wurde durch seine Witwe Nathalie Hedwig Constanze Henriette, Prinzessin von Croy und ihre Kinder weitergeführt. Am 4. September 1911 wurde die Kapelle durch den Kölner Weihbischof Joseph Müller feierlich eingeweht.


Der Kunsthistoriker Harald Herzog hat über den Zustand von Schloß Merode in den 1920/30er Jahren in Kenntnis der Geschichte von Schloss Merode folgendes geschrieben:


„Der über Jahrhunderte erfolgte Ausbau von Merode ergab keineswegs ein allgemein verbindliches Wasserburgendenkmal, sondern ein ganz spezifisches Familien- und Eigendenkmal von kompromissloser Konsequenz. Das Fehlen aller Nebengebäude zeigt deutlich, dass eine Nutzung des Schlosses gar nicht mehr beabsichtigt war - die reine Erscheinung, die bloße Existenz in einer perfektionierten, verklärten Form lässt Merode zum ausschließlichen Denkmal fern aller profanen Brauchbarkeit werden. In Merode hat sich der Entwicklungslauf der rheinischen Wasserburg zum reinen Denkmal ihrer selbst vollendet. Schloss Merode bietet in seiner akademisch-leblosen Perfektion die
letztmögliche Ausformung des Eigendenkmales als reines Kunstwerk."

 

Seit dieser Zeit, seit den 1930er Jahren, seit dem Zustand des Schlosses als reines Kunstwerk, sind nun rund 80 Jahre vergangen. Und diese 80 Jahre haben der akademischen Perfektion des Schlosses doch sehr zugesetzt. Das Bauwerk hat seit den 1930er Jahren 4 Phasen der Veränderung durchlaufen. Phase 1 war die Zerstörung durch Kriegseinwirkung in den Jahren 1944/45, Phase 2 war der Wiederaufbau des Schlosses in der Nachkriegszeit, Phase 3 war der Großbrand am 19. Juni 2000 und Phase 4 schließlich war die Beseitigung der Brandschäden, die noch nicht endgültig beendet ist.

 

Wenn wir heute Schloß Merode als Bauwerk vor uns sehen, sehen wir nur einen Schatten seiner Vergangenheit als Prachtbauwerk. Aber, so glanzvoll Schloss Merode auch in der 1930er Jahren äußerlich war, so unwohnlich war es auch in all den Jahren, in denen es nicht dauerhaft bewohnt war.

 

Unbewohnbar war Schloss Merode schließlich nach 1944/45 und es war noch nicht sehr wohnlich, als 1980 Prinz Charles Louis mit seiner Familie nach Merode zog. Nach dem Brand im Jahr 2000 war es wieder unbewohnbar. Ob es gegenwärtig, 15 Jahre nach dem Brand, wieder wohnlich ist, ist ausschließlich der Beurteilung des Prinzen und seiner Familie, die dort wohnt, überlassen.

 

Die Bevölkerung der Herrschaft beobachtet mit großer Anteilnahme, dass wieder Leben ins Schloss eingekehrt ist, seit die Familie des Prinzen dort wohnt. Schloss Merode scheint nach all dem erfahrenen Unheil wieder aufzuerstehen.

 

 

Hermann-Josef Nathaus

Vorsitzender

des Geschichts- und Heimatvereins

der Herrschaft Merode e.V.